Es ist also wieder so weit: Ganz Europa und die Welt starren auf die Anleihenmärkte um zu erfahren, welche Rendite Italien und Spanien ihren Anleihenkäufern bieten müssen, um sich die papiernen Brandsätze ins Depot zu legen. Die Aussichten, dass beide glimpflich davon kommen, sind gar nicht so schlecht - denn es gibt ja den ESFS, ESM, Rettungsschirm (oder wie immer das Teufelszeug heute gerade euphemisiert wird, damit sich die Bürger nicht so erschrecken).
Das unmittelbare Sentiment der Panik scheint auf dem Rückmarsch zu sein, der Euro eventuell als enbalsamiertes Schaustück im Ehrerbietungsmausoleum der zur Schau gestellten Friedens-Gänseblümchenphantasien sicher unter Glas. Zu enormen Kosten, versteht sich. Denn selbst, wenn momentan jubiliert wird, Deutschland etwa profitiere eher von der Krise und die Investoren würden noch Geld verschenken, um dem Land Geld leihen zu dürfen: merkwürdig wenig wurde in den Medien zur Marktbreite solcher Transaktionen gesagt. Es scheint mir auch nicht der Mühe wert zu sein.
Denn selbst, wenn man die oberflächlichen (weil imminenten) Symptome der aktuellen Eurokrise notdürftig wegschminkt, bleiben die Wahrheiten, die dieses Dilemma ausgelöst haben, weiterhin gültig.
Zum einen: Die Kohle, die teils durch großmannssüchtige Bauprojekte vor allem in den Mittelmeerländern vergraben wurde, teils in byzantinistische Beamtenapparate nach griechischem Vorbild gepumpt wurde, bleibt weg. Auf immer. Versenkt.
Busbahnhof an der Estacio Intermodal, Palma de Mallorca, werktags, ca 14:00 Uhr
Sodann: Jetzt frantisch zu sparen, ist ein nettes Placebo. Die Probleme der betroffenen Euro-Volkswirtschaften im Mittelmeer-Raum wird es eher noch verschärfen. Denn sowohl drastische Steuererhöhungen als auch Kürzungen im Bereich der Sozialleistungen wirken als Nachfragebremse und Rezessionsbeschleuniger. Rechnet man hinzu, dass keines der betroffenen Länder über eine durchgehend tragfähige industrielle Basis verfügt (Italien dürfte mit dem Norden gerade einmal kostenneutral die Korruption im mezzogiorno finanzieren können) steht fest, dass keiner der Kanditaten die verschleuderte Kohle aus der Zeit der zinsgünstigen Europarty jemals wieder wird einspielen können. Der Kaiserwetter-Trubel in den deutschen Medien über die Nullzinsen für deutsche Anleihen dürfte sich also spätestens dann in Katzenjammer verwandeln, wenn man am Euro festhält und die Mittel aus dem ESFS, ESM, Rettungsschirm (oder wie immer das Teufelszeug heute gerade euphemisiert wird, damit sich die Bürger nicht so erschrecken) tatsächlich abgerufen werden. Die Parfümwolke, es sei ja alles so kompliziert und der Friede in Europa sei ja so wichtig, wird dann wohl nicht mehr ausreichen, den Deutschen den Kopf zu vernebeln.
Schließlcih: Ich jedenfalls war bisher so naiv, das Bild des Rettungsschirms so zu verstehen, dass er die Folgen unfreundlichen Wetters für den Euro abwehren sollte. Die Märkte als Regen, der Schirm als Behütung. Ein geschickt eingetopftes Missverständnis. Es scheint nämlich eher so, als handele es sich bei diesen Schirmen um Fallschirme, die den Zeitpunkt des Enschlags und seine Wucht hinauszögern und mildern sollen. Man begibt sich also nicht unter den Rettungsschirm, sondern man hängt darunter. Unweigerlich von der Schwerkraft in eine Richtung gezogen: abwärts. Allerdings verlangsamt, in Zeitlupe.
Dieses Dauerwurschteln ist auf den zweiten Blick für viele eine gute Lösung:
- Die Dummen laufen in die Geschäfte und verschleudern ihre Kohle im Kaufrausch. In der zutreffenden Annahme, es gäbe kein Morgen. Sie kurbeln dadurch aus ihrem Ersparten die Restkonjunktur ohne Zwangsenteignung ihrer Ersparnisse an.
- Die Sicherheitsbedürftigen kaufen Immobilien und tragen ebenfalls zur Konjunktur bei, erfreuen sich aber anders als Auto- und Klamottenkäufer eines gewissen Werterhalts, setzten sich allerdings auch der Gefahr aus, durch verarmende Kommunen durch Grundsteuern in Geiselhaft genommen zu werden.
- Ein geringerer Anteil der Sparer versucht, durch Portfolios mit breit gestreutem Risiko die Kaufkraft zu erhalten und eventuell eine magere Rendite zu erwirtschaften.
Damit ist unter den gegebenen Umständen eigentlich allen gedient. Auf dem Rücken der Dummen wird wie üblich die Krise ausgetragen. Die Sicherheitsbedürftigen erhalten wenigstens spieltheoretisch noch eine Faire Chance, den Vermögensverfall zu mildern und die "smart savers" erhalten etwas zeitlichen Puffer, ihr Glück in dem Ratespiel: Bau' dir ein krisensicheres Portfolio zu versuchen. Dabei sollten sie einige Bücher zur Hand nehmen und die Nachrichtensender immer dann abschalten, wenn ein "Zertifikate Spezial" läuft. Es dürfte genügen, wenn dieser Personenkreis sich vor dem abendlichen Zubettgehen dreimal laut Emittentenrisiko vorsagt.
Prosit also, und auf ein soft landing.
Du hast da was vergessen: Dieser Rettungs(fall)schirm muss ja bekanntermaßen ständig vergrößert werden, weil er die an ihm hängende Last nicht mehr zu tragen imstande ist. Gelingt das nicht stetig und rechtzeitig, dann rauscht das Gebilde samt der Last, die daran hängt, eben nicht aus 5.000, sondern vielleicht nur noch aus 300 Metern in die Tiefe. Die Aufschlaggeschwindigkeit bleibt jedoch gleich (9,81 ms², klar, aber eben nur bis zur Grenze, die der Luftwiderstand setzt), lediglich die Schirmhersteller haben in dieser Zeit noch etwas Reibach gemacht.
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