- Eine sich beschleunigende Verstädterung auf Kosten ländlicher Regionen
- Ein Aufreiben der Mittelschicht, die mit einem Mix aus immer neuen Forderungen und so genannten Reformen den Boden unter den Füßen verliert
- Ein Verschwinden demokratisch legitimierter Entscheidungsprozesse durch die "Apolitisierung" wichtiger Bereiche der Politik. Mit der Konsequenz de-facto diktatorischer Entscheidungen auf Ebenen, die sich bewusst der Kontrolle durch den Souverän entziehen.
In Frankreich hat diese Entwicklungen der Politikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt Afrika, Bernard Conte, aufgegriffen und bezeichnet sie als die tiers-mondialisation - was man in Starkdeutsch etwa mit "Verdrittweltung" übersetzen könnte. Anders als bloße Empörungspamphlete vom Kisosk dringt Conte zu einer umfassenden Analyse der zurzeit geltenden Wirtschaftsideologie, ihrer Ursprünge und ihrer Auswirkungen durch.
Dementsprechend verschafft Conte seinen Lesern in seinem Buch La Tiers-Mondialisation de la planète einen Überblick über die philosophischen Quellen des heute dominanten Markt-Denkens, das sich später den Anschein einer Wissenschaft gab und nimmt ihn mit auf eine Zeitreise vom Monetarismus, über die Zeit der Reagonomics bis hin zu einem "verdeutschten" Modell der Reagonomics, das sich heute, so Conte, einen politisch korrekteren Anstrich gibt als noch zur Zeit von Thatcher und Reagan. Sozusagen ein sozialvermarktwirtschaftlicher Neoliberalismus.
Damit erreicht er eines: Ohne sich verschwörungstheoretischer Ansätze zu bedienen erklärt er nachvollziehbar, wie sich die immer gleiche marktradikale Ideologie je unterschiedliche Gewänder überstülpte, um ihre Ziele zu erreichen.
In sechs Kapiteln gibt Conte den Kritikern der geltenden Ideologie ein Argumentationsinstrumentarium mit auf den Weg, das Ordnung in das opportunistisch mit voller Absicht gestiftete Gewirr einer TINA (There Is No Alternative) Polit-Elite bringt.
Von der Herkunft, Geschichte und Praxis des Neoliberalismus zum Schaden der Demokratie
Im ersten Kapitel seines Buchs erläutert Conte die geistesgeschichtliche Herkunft des Marktgedankens seit dem Zeitalter der Aufklärung und ordnet sie ein in den Zusammenhang, in dem sich der spätere Marktliberalismus/Neoliberalismus wichtiger Gedankenmodelle bedient. In einem weiteren Absatz des ersten Kapitels ordnet Conte die Ideologie des laisser faire in einen geschichtlichen Zusammenhang ein, der etwa vom Ende des zweiten Weltkriegs bis heute reicht.
Im zweiten Kapitel bedient er sich des Bildes der "dreißig goldenen Jahre" zwischen Kriegsende und der Mitte der 1970er Jahre. Zwischen Mitte und Ende der 1970er Jahre, so Conte, habe sich am Ende der "dreißig glorreichen Jahre der Arbeitnehmer" der Kapitalseite die Möglichkeit geboten, die Ford'sche gesellschaftliche Übereinkunft zu revidieren, die von der Finanzwelt immer als temporäres Übel betrachtet worden sei. Dies wurde durch die Orientierung auf den Dienstleistungssektor begleitet. Zudem sei im Angesicht der Wirtschaftskrise eine allmähliche Verschiebung des geschaffenen Mehrwerts weg von den Arbeitnehmern hin zu den Kapitaleigentümern erfolgt. Gekennzeichnet sei diese Entwicklung durch das Auftauchen von Margaret Thatcher und Ronald Reagan, die (Anmerkung des Verfassers) aus Arbeitnehmern Aktionäre machen wollten oder dies zumindest vorgaben. Im dritten Kapitel wendet sich Conte der "Euthanasie der Mittelklasse" zu, die begleitet wurde von einer Epoche der Privatisierung, Deregulierung, mithin einem Rückuzug des Staates aus den bedeutenden Fragen der Wirtschaft.
Im vierten Kapitel geht Conte auf das retardierende Moment in diesem neoliberalen Konzept ein, wie die Asienkrise (1997), aber auch Gegenbewegungen wie sie sich vor allem in Venezuela und den Protestbewegungen am Rande der Weltwirtschaftsgipfel manifestiert hätten. Die politische Führungsklasse habe darauf hin ihre Rhetorik gemäßigt und ihre Actio politisch korrekter gewandet, den "deutschen Neoliberalismus" (ordoliberalisme) entwickelt und als neuen Konsens verkauft.
Das fünfte Kapitel ist demgegenüber etwas theoretischer angelegt. Compte zeigt, wie der Neoliberalismus sich das Gewand einer sozialen Marktwirtschaft gibt und neue Modelle wie die neue Mikroökonomie oder die eines endogenen, qualitativen Wachstums einführt und sich so einen politisch korrekten Anstrich gibt. Anmerkung des Verfassers: In Deutschland vor allem verkörpert von marktradikalen wie Meinhard Miegel, der als sprecher immer wieder neu geschaffener Fantasieinstitute beachtliche Erfolge in der Außenwirkung erzielt. Gleiches gilt auf deutsche Ebene zurücktransformiert für als Bürgergruppen getarnte PR-Agenturen wie die so genannte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und ihre scheinbar neutralen, aber gut getarnten Botschafter, wie etwa Mönch Nothger.
Das sechste und letzte Kapitel widmet sich vowiegend den Strategien, mit denen die Monetaristen versuchen, ihre Zielsetzungen unumkehrbar zu machen und damit demokratische Beschlussfassung bedeutungslos werden zu lassen. Im Wesentlichen zeigt Conte folgende Ansätze auf:
- Verankerung eigentlich politischer Zielsetzungen (mit der Absicht, ein Wirtschaftssystem festzuschreiben) in Form von Gesetzen mit Verfassungsrang (Maastricht-Kriterien, Lissaboner Verträge)
- Eigentlich politisch-ideologische Ziele werden als good governance präsantiert, apolitisiert und damit dem gesellschaftlichen Diskurs entzogen (Anmerkung des Verfassers: "alternativlos/TINA").
- Unter dem Vorwand, einen "freien, unverfälschten Wettbewerb" gewährleisten zu wollen, werden Sozialleistungen abgebaut, der Staat aus wichtigen Aufgaben der Daseinsvorsorge verdrängt und damit wichtige Einnahmequellen privatisiert (Krankenhäuser, Autobahnen, Wasserversorgung).
- Verantwortlichkeiten werden konsequent verwischt und atomisiert, so dass die Öffentlichkeit Verantwortliche nicht mehr erkennen kann. Damit wird auch absichtsvoll eine unnötige, scheinbare Komplexität geschaffen, die Entscheidungen dem demokratischen und gesellschaftlichen Diskurs entzieht.
Die französische Rezension schließt mit der Bemerkung:
"A la lecture de l’essai, il semble évident que tout changement de cap impliquera nécessairement une profonde mutation des élites qui ne pourra, sans doute, se faire sans « violence »."Wenn man diesen Aufsatz liest, drängt sich der Gedanke auf, dass jeder grundlegende Wandel auch eine grundlegende Änderung der Eliten voraussetzt. Dieser wird sich, zweifelsohne, nicht ohne « Gewalt » erreichen lassen.
Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
"Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits."
ReplyDeleteDiese wohl treffendste Definition von Politik formulierte der Freiwirtschaftler Otto Valentin in einem Artikel mit dem bezeichnenden Titel "Warum alle bisherige Politik versagen musste" im Jahr 1949. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Politik ist keine "Wissenschaft", sondern die kondensierte Unfähigkeit, die Marktwirtschaft vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus zu befreien.
"Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten."
Arthur C. Clarke (Profile der Zukunft)
Das bezieht sich nicht etwa auf die ferne Zukunft, sondern war sogar schon vor der Geburt von Sir Arthur Charles Clarke (1917 - 2008) mit der Erstveröffentlichung von "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" (Silvio Gesell, 1916) gültig!
Machtausübung ist Dummheit und allgemeiner Wohlstand, eine saubere Umwelt und der Weltfrieden sind selbstverständlich. Die Menschheit muss nur damit aufhören, mit aller zur Verfügung stehenden Unvernunft (Politik) etwas "regeln" zu wollen, was nicht geregelt werden kann, solange es sich durch das vom Kapitalismus befreite Spiel der Marktkräfte nicht selbst regelt.
Damit nicht das Ende (globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch: Armageddon) sondern die Zukunft passiert, bedarf es der Beachtung der beiden von Arthur C. Clarke beschriebenen Risiken der Prophezeiung:
Der Mangel an Mut…
http://www.deweles.de/globalisierung/mut.html
…und der Mangel an Phantasie:
http://www.deweles.de/globalisierung/phantasie.html